Gold. Oder: Die künstlerische Emanzipation eines Edelmetalls


Abstrakte goldene Flächen, matt schimmernd oder auf Hochglanz poliert, ziehen sich über die Werke der Hamburger Künstlerin Hilke-Ev Krögler. Teils gehen sie einen Dialog mit farbigen Flächen oder graphischen Elementen ein, teils stehen sie ganz für sich. Immer jedoch bedienen sie die Arbeit am Bild. Wann funktioniert die Beziehung von Flächen zueinander als Bild? Braucht es überhaupt mehrere Flächen oder reicht eine einzige? Und wie lässt sich Raum erzeugen, ohne dabei auf illusionistische Mittel zurückzugreifen? Formalästhetisch liefern die Arbeiten eine Vielzahl interessanter Fragestellung und deren bildnerische Lösungsansätze. Gerade Licht und Raum kommt dabei eine signifikante Rolle zu. Denn beide entziehen sich durch die Verwendung des Golds unseren üblichen Rezeptionsgewohnheiten. So wird der Raum hier nicht durch eine gezielte Setzung von Licht und die Verwendung der Zentralperspektive erzeugt, sondern allein durch die Eigenschaften des

Materials. Die leicht reflektierende Oberfläche des Goldes bricht das Licht und spiegelt gleichzeitig schemenhafte Bilder des Umraums wie auch der Betrachtenden. So erzeugt jeder Standpunkt eine einzigartige Ansicht und einen je neuen Bildraum, der durch seine vage und ephemere Erscheinung zu einem geheimnisvollen wird.


Gold als Material der Kunst – Hilke-Ev Krögler greift in ihrem Schaffen auf eine jahrhundertealte Technik zurück und setzt sie in einen neuen Kontext. Bereits im Mittelalter taucht Gold als Randerscheinung in der Kunst auf: sowohl Andachtsbilder, als auch illuminierte Handschriften werden auf Goldgrund gemalt, der als Vergegenständlichung des göttlichen Lichts gilt. Die aufkeimende Renaissance verabschiedet kurze Zeit später das Edelmetall: als wertvoll gilt nun nicht mehr das Material, sondern vielmehr dessen künstlerische Nachbildung mit Farben. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts besinnen sich die Präraffaeliten und nach ihnen die Jugendstil-Künstler wie Gustav Klimt auf das Potential des Metalls und integrieren es auf vielfältige Weise in ihre Bilder. Die religiöse Aufladung lassen sie dabei genauso links liegen, wie die Avantgarde der 1950er Jahre. Von seinem Dasein als bloßes Beiwerk emanzipiert sich das das Gold in diesem Zuge zunehmend und tritt vom Hintergrund in den Vordergrund. Andy Warhol führt mit seinen mit Blattgold und goldglänzendem Glitter versehenen Bildern den Glamour der Ikonen der Konsumgesellschaft vor, während Yves Klein sich darum bemüht die spirituelle Tradition des Goldes wiederzubeleben. Robert Rauschenberg dagegen bricht die vermeintliche Versprechen des Goldes nach ewiger und höchster Instanz auf, indem er auf seine Goldpaintings versehrte Blättchen von Blattgold aufträgt. Marcel Broodthaers wiederum abstrahiert Anfang der 1970er Jahre den wirtschaftlichen Gegenwert des Goldes, was in der Folge zahlreiche Künstler_innen inspiriert, sich des Materials in vielfacher Weise zu bedienen. Geschmolzen wird es bei Joseph Beuys zum Auftakt der documenta 7, auf der sich ebenso eine goldene Säule von James Lee Byars fand. Auf Fotografien appliziert wurde es dagegen bei Gordon Matta-Clark, auf Gipsplastiken aufgebracht bei Lynda Benglis und auf ganze Wände aufgetragen bei Jannis Kounellis.


Hilke-Ev Krögler wiederum befragt einerseits die Oberfläche des Goldes nach ihren künstlerischen Qualitäten und erforscht andererseits, wie sich Metall und Farbe zueinander in Beziehung setzen lassen. Aufbauend auf ihrer handwerklichen Ausbildung als Kirchenmalerin reizt sie das Material in jeglicher Hinsicht aus: alte Rezepte des Auftrags werden modifiziert, andere Wege beschritten und das Edelmetall immer wieder in neue Kontexte gesetzt. Aus einer traditionsreichen Technik wird so ein Experiment, das nicht nur ein Ergebnis, sondern ein ganzes Kaleidoskop an Resultaten erzielt.


Anne Simone Krüger, Kunsthistorikerin


1Vgl. Monika Wagner (Hg.): Lexikon des künstlerischen Materials, München 2002, S.122.

2Vgl. ebd. S.123.


Anne Simone Krüger _KUNSTHISTORIKERIN / CONTEMPORARY ART SPECIALISED / KURATORIN / AUTORIN / ARTSCOUT / ARTCONSULTING

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